Torsten Foelsch

Museumsdirektor des Stadt- und Regionalmuseum Perleberg
Unter den Brandenburgischen Regionalmuseen gehört das Perleberger Stadt- und Regionalmuseum zu den ältesten Gründungen mit den umfangreichsten Sammlungsbeständen. Gegründet 1905, repräsentiert das Museum eine der großen regionalen Sammlungen in Brandenburg mit ca. 35.000 Exponaten. Highlights sind u. a. die kostbaren bronzezeitlichen Funde aus dem Umfeld des Seddiner Königsgrabes, die sakralen Kunstschätze des Mittelalters und ein vollständig erhaltener Kolonialwarenladen aus dem Jahre 1896.

Torsten Foelsch

Die Prignitz

Die Prignitz – ein kurzer geschichtlicher Abriß

von Torsten Foelsch, 2004
 

Die Prignitz gehört zu den ältesten deutschen Siedlungsgebieten östlich der Elbe, von hier aus nahmen Christianisierung und Kolonisierung der Gebiete zwischen Elbe und Oder im 10. und 12. Jahrhundert ihren Anfang. Die Prignitz ist der nordwestlichste Zipfel der Mark Brandenburg und liegt etwa auf halbem Wege zwischen Berlin und Hamburg. Ihr oft beklagter Charakter als Sandstreubüchse des Heiligen Römischen Reiches trifft nicht zu, denn die historisch gewachsene Kulturlandschaft der Mark bietet viele Naturschönheiten und erscheint dem genauen Betrachter wie ein großer Landschaftspark, in dem sich Wasser-, Wiesen- und Waldflächen, Täler, Flußniederungen und Hügelketten abwechseln und sich dadurch überall interessante Fernblicke und Landschaftsbilder ergeben, in die ein in Jahrhunderten gewachsenes, unverwechselbares baukünstlerisches Erbe eingebettet ist, das seine Wurzeln in der deutschen Ostkolonisation des Hochmittelalters hat.

Die naturräumliche Gliederung der Prignitz ist das Ergebnis mehrmaliger Inlandeisvergletscherungen des quartärzeitlichen Eiszeitalters, und schon vor der deutschen Besiedlung des 12. Jahrhunderts bot sie besonders steinzeitlichen und schließlich germanischen Völkern des nordischen Kulturkreises und später erst (etwa seit Mitte des 6. Jahrhunderts) dann auch slawischen Stämmen günstige Siedlungsvoraussetzungen. Die ältesten archäologischen Funde in der Prignitz (bei Hinzdorf) gehören der älteren Steinzeit an (9.000-8.000 v. Chr.). Aus der jüngeren Steinzeit ist an Gräbern in der Westprignitz allein das sogenannte „Hünengrab“ bei Mellen, eine Abart der nordischen Ganggräber, erhalten. Vom Ende der Bronzezeit rührt die gewaltige Anlage des Seddiner Königsgrabes her (1. Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr.). In der ausgehenden Bronzezeit scheinen auch erste befestigte Siedlungen entstanden zu sein, wofür in der Westprignitz ein Burgwall bei Wolfshagen aus dieser Zeit ein Beispiel abgibt. Vom 2. – 6. Jahrhundert hielt eine allmähliche, nahezu vollständige Abwanderung der germanischen Bevölkerung aus den bisherigen Siedlungsgebieten nach Westen und Südwesten an, der seit etwa Mitte des 6. Jahrhunderts die Einwanderung slawischer Stammesgruppen aus dem Osten in das Gebiet der heutigen Prignitz folgte. Von ihnen werden die Linonen 808 erstmals erwähnt, deren Hauptort Lenzen war, wo eine große Burg an dem wichtigen Flußübergang zwischen Elde- und Löcknitzmündung lag, die in den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Franken, Slawen und Sachsen im 8. und 9. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielte und schließlich im 10. Jahrhundert Sitz eines Stammesfürsten war.

Die berühmte Schlacht bei Lenzen im Jahre 929 markiert den Beginn der ersten Phase der deutschen Ostexpansion und der Christianisierung östlich der Elbe. Damals besiegten die sächsischen Truppen slawische Heerscharen in einer blutigen Schlacht und nahmen den Burgplatz in Besitz, bis sie die eroberten Gebiete nach dem großen Slawenaufstand im Jahre 983 wieder aufgeben mußten. Damals wurden auch die Dome der 946/948 von Otto I. begründeten Bistümer Havelberg und Brandenburg wieder zerstört.

Der Wendenkreuzzug von 1147 brachte nach vielen früheren Fehlschlägen die endgültige Christianisierung und Kolonisierung der Mark Brandenburg. Während Markgraf Albrecht der Bär die Hauptgebiete der späteren Mittelmark eroberte, wurde die Prignitz vom Bischof von Havelberg und kleineren Territorialherren eingenommen und besiedelt. Unter diesen war ein Ritter Johannes, der nach seinem altmärkischen Besitz, der Gänseburg bei Pollitz, den Übernamen „Gans“ trug und auf seine Nachfahren weitervererbte. Diese nannten sich je nach ihren Besitzungen Gans von Wittenberge, Gans von Perleberg oder Gans von Putlitz und die Familie heißt heute noch: Gans Edle Herren zu Putlitz. Diese in der Frühzeit der Kolonisation durch Titel und Besitz herausragende Familie wurde im Verlaufe des 13. Jahrhunderts in ihrer Machtstellung mehr und mehr durch die erstarkende und sich festigende markgräfliche Zentralgewalt beschnitten. Als Gründer der Städte Wittenberge, Perleberg und Putlitz und schließlich des Zisterzienserinnen-Nonnenklosters Marienfließ (1231) hat sich dieses Geschlecht unauslöschliche Verdienste erworben. Das Kerngebiet ihrer Eroberungen, also ihrer Territorialherrschaft, und ihre Burgen lagen an der Stepenitz. Wenn auch einige Besitzungen im Verlauf der Zeit verloren gingen, bewahrten sie doch bis zur Vertreibung 1945 sieben Güter in dieser Region.

Das Besiedlungswerk in der Prignitz, das im wesentlichen um 1300 abgeschlossen war und sich unter dem Schutze einer zahlenmäßig starken Ritterschaft vollzog, glich einem gigantischen Bauprogramm. Nach den Rodungen großer dichter Waldgebiete und der Trockenlegung von Sümpfen entstanden unzählige neue deutsche Bauerndörfer, z. T. oft neben den alten wendischen Siedlungen, ferner zahlreiche Kirchen sowie feste Schutzburgen und Rittersitze, die die Sicherheit des Landes zu gewährleisten hatten. Die ansässige wendische Bevölkerung ging dabei allmählich in den eingewanderten neuen sächsischen, fränkischen und niederländischen Siedlerfamilien auf. Lieselott Enders geht auf Grund der namenkundlichen Forschungen von Sophie Wauer davon aus, daß von den 451 mittelalterlichen Ortsnamen 257 (57 %) slawisch, 169 (37,5 %) deutsch und 20 (4,4 %) slawisch-deutsche Mischnamen (wie etwa Blesendorf, Gnevsdorf, Klenzendorf) sind, wobei bei den slawischen Ortsnamen überwiegend angenommen wird, daß sie von den Neusiedlern vorgefunden und übernommen wurden und daß bei den deutschen Ortsnamen, überwiegend wohl auch bei den Mischnamen mit Neubildungen zu rechnen ist.

Typisch deutsche oder slawische Dorfformen gab es in der Prignitz nicht. Entscheidend bei der Wahl der Dorfform waren nicht ethnische Merkmale, entscheidend war hier wohl mehr, ob die Siedlung im Wald-, Niederungs- oder Grenzbereich lag und ob es sich um eine planmäßige Neugründung handelte. In der Prignitz kommen sehr unterschiedliche Dorfformen vor, wobei den größten Anteil Rund- und Straßendörfer ausmachen, gefolgt von Angerdörfern, Sackgassendörfern mit Doppelzeilen, Haufen- und Marschhufendörfern. Das Runddorf, dem oft ein wendischer Ursprung nachgesagt wird, kommt überwiegend in der Westprignitz vor und ist wohl in der Tat als deutsche Anlage der Kolonisationszeit anzusehen, denn bei Grabungen und Bodenuntersuchungen wurden slawische Reste in den bisher bearbeiteten Orten überhaupt nicht vorgefunden, und bei Anlage des Rundlings mußte ja die Anzahl der anzusetzenden Siedler von vornherein feststehen, da spätere Einschübe in den geschlossenen Ortsgrundriß ausgeschlossen waren. Dies setzt also eigentlich eine planmäßige Anlage voraus.

Die zahlreichen mittelalterlichen Kirchen und Stadtkerne, aber auch die erhaltenen Burgen und Schlösser sind noch heute sichtbares Zeichen dieser Entwicklung – auch in der Prignitz. Hier gehen nahezu alle Stadt- und Dorfkirchen auf die Kolonisationszeit des 12./13. Jahrhunderts zurück und im Gegensatz zu Mecklenburg, wo es größere Zentralkirchen innerhalb einer Parochie gab, wurden in der Mark in fast jedem einzelnen Dorf kleinere Kirchen erbaut. Daher gibt es im heutigen Landkreis Prignitz ca. 170 evangelische Dorfkirchen sowie 7 evangelische und 4 katholische Stadtpfarrkirchen, von denen die ehem. Wallfahrtskirche von Wilsnack und das 1287 gegründete Kloster Heiligengrabe als besondere sakrale Bau- und Geschichtsdenkmäler herausragen. Dazu kommen die über 60 noch erhaltenen Schlösser, Herrenhäuser und Burgen, deren Geschichte eng mit der der Prignitz verwoben ist und oftmals bis in die Anfangszeit der Christianisierung der Prignitz zurückreicht. Ein wertvolles baukünstlerisches und geschichtliches Erbe !

Die Landschaftsbezeichnung „Prignitz“ trat 1349 erstmals in einer Urkunde auf, daneben war aber auch die Bezeichnung „Nordmark“ für die Landschaft vom 14. bis ins 18. Jahrhundert hinein gebräuchlich. Die Prignitz gliederte sich im Mittelalter in 11 verschiedene Herrschaftsgebiete (terrae), die erst im Laufe des 13./14. Jahrhunderts in unmittelbaren markgräflichen Besitz übergingen, während das ursprünglich reichsunmittelbare Bistum Havelberg erst nach der Säkularisation im 16. Jahrhundert unter markgräfliche bzw. kurfürstliche Oberhoheit kam. Die 11 Bezirke waren: Grabow, Lenzen, Wittenberge, Perleberg, Putlitz, Pritzwalk, Kyritz, Wusterhausen, Wittstock, Nitzow und Havelberg. Die terra Grabow fiel nach 1320 an Mecklenburg, die terra Wusterhausen etwa zur gleichen Zeit an die Grafschaft Ruppin, die im 16. Jahrhundert schließlich wieder an den Kurfürsten kam. Die äußeren Grenzen der Prignitz veränderten sich seither bis 1952 kaum noch wesentlich. Als landesherrliche Organe wirkten bis zum Ende des 14. Jahrhunderts die Vögte, seit dem 15. Jahrhundert die Hauptmänner der Prignitz. Eine erste ständische Kreisverwaltung bildete sich jedoch erst im 17. Jahrhundert mit den Kreiskommissaren, Kreis- und Landesdirektoren und schließlich den Landräten heraus.

Das Phänomen der ländlichen Wüstungen kennt die Prignitz seit dem Hochmittelalter, als nach der ersten Periode ländlicher Kolonisation und Siedlung des 12. und 13. Jahrhunderts vor allem im Verlaufe des 14. und 15. Jahrhunderts infolge einer schwachen Agrarkonjunktur, unzureichender Ertragsfähigkeit einzelner Dörfer und z. T. auch der Fehdezeiten mehr als zwei Fünftel der im Hochmittelalter vorhandenen und neu angelegten Siedlungen wieder aufgegeben wurde. Zäsuren für das Siedlungsbild bedeuteten später dann die Gründungen adliger Eigenbetriebe im 16. Jahrhundert, die Folgen des 30jährigen Krieges mit Wüstungserscheinungen, die Siedlungsprogramme der friderizianischen Binnenkonolisation des 18. Jahrhunderts mit seinen zahlreichen Dorf- und Vorwerksneugründungen, die Stein-Hardenberg-Reformen mit der Veränderung dörflicher Siedlungsstrukturen infolge der Separationen und Dienstablösungen, schließlich die Siedlungstätigkeit auf dem Lande nach dem ersten Weltkrieg durch regionale Siedlungsgesellschaften, dann vor allem aber tief einschneidend und bis heute fortwirkend die fundamentalen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen nach 1945. Alle diese unterschiedlichen geschichtlichen Prozesse haben in den Jahrhunderten nach dem Wendenkreuzzug von 1147 das Siedlungsbild der Prignitz, das einem ständigen Wandel unterliegt, entscheidend geprägt – und permanent verändert.

Nach Abschluß der Separationen (um 1850) entstanden vor allem in den Dörfern und auf den Gütern umfangreiche und architektonisch beeindruckende Neubauten. Mit Zunahme der ortsansässigen Gutsarbeiter und den Umstrukturierungen der gutswirtschaftlichen Betriebe ging dementsprechend auch eine Veränderung der Siedlungstrukturen der Güter und Dörfer einher. An die Stelle der alten, meist noch strohgedeckten Bauernkaten aus Lehmfachwerk traten nun stattliche neue Wohnhäuser aus Fachwerk oder Backstein mit ebenso wertvollen Wirtschaftsgebäuden. Auf den Gütern entstanden vielfach neue, meist langgestreckte Tagelöhnerhäuser und auf den alten Gutshöfen z. T. großartige Wirtschaftsbauten, die den veränderten ökonomischen Verhältnissen entsprachen und auf die vergrößerten Gutswirtschaften zugeschnitten waren.

Die Prignitzer Städte, die ihren mittelalterlichen Charakter als Ackerbürgerstädte innerhalb der alten Befestigungsanlagen weitgehend bewahrt hatten, wuchsen seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über ihre Stadtmauern hinaus. Es entstanden großzügig angelegte Stadterweiterungsgebiete mit einer architektonisch wie baukünstlerisch wertvollen Bebauung. Innerhalb der alten Stadtmauern errichteten die Bürger vor allem im wilhelminischen Zeitalter die typischen großen, gründerzeitlichen Wohn- und Geschäftshäuser, neue stolze Rathäuser (Pritzwalk, Kyritz 1879, Perleberg 1837/39, Wittenberge 1912/14) und ließen ihre Stadtkirchen prachtvoll, meist im neugotischen Stil, ausbauen (Perleberg 1851/55, Wittenberge 1869/72, Putlitz 1854, Kyritz 1848, Pritzwalk 1880/82). Wittenberge erlangte Mitte des 19. Jahrhunderts mit seiner Anbindung an die Eisenbahnlinien Berlin-Hamburg (1845/46) und nach Magdeburg durch den Bau der Elbbrücke (1846-1851) sowie der Strecke nach Lüneburg (1872/74) enorme Bedeutung als Eisenbahnknotenpunkt, Warenumschlagplatz, Binnenschiffahrtshafen und Industriestandort. Die 1823 begründete Hertzschen Ölwerke war bis 1990 einer der wichtigsten Industriebetriebe in der Region. Später kam das Reichsbahnausbesserungswerk und 1903 das Singer-Nähmaschinenwerk hinzu. Infolge dieser rasanten wirtschaftlichen Entwicklung wuchs die Stadt rasch über ihre alten Grenzen hinaus.

An der Peripherie der kleinen Landstädte entstanden mit den neuen Bahnhöfen nach dem Bau der Berlin-Hamburger Eisenbahn (1845 ff.) meist auch Gewerbeansiedlungen mit stadtbildprägenden Fabrikgebäuden. Das Tuchmachergewerbe, das in der Prignitz alte Tradition hatte, erlangte mit zunehmender Industrialisierung schließlich in den Städten Pritzwalk und Wittstock mit den dort begründeten Tuchfabriken der Gebrüder Draeger und Friedrich Wilhelm Wegener u. a. als Lieferanten für Heer und Marine eine enorme wirtschaftliche Bedeutung für die ganze Prignitz. Seit 1900 waren beide Fabriken unter einer Leitung vereint und wurden bis 1945 von der Familie Quandt betrieben. Ihre mächtigen, die Stadtsilhouetten von Wittstock und Pritzwalk beherrschenden Fabrikgebäude entstanden in den ersten 30 Jahren des 20. Jahrhunderts.

Der Bau der Eisenbahnlinie Wittenberge-Perleberg 1881 und dann von Perleberg über Pritzwalk nach Wittstock (1885) erschloß schließlich auch die Prignitzer Landstädte in West-Ost-Richtung. 1887 war der Bau der Linie Neustadt/Dosse-Pritzwalk-Meyenburg fertiggestellt. Später (1888-1912) folgte der Bau eines die gesamte Prignitz erschließenden Kleinbahnnetzes, wodurch eine Anbindung der Region an die Wirtschaftskreise und die Absatzmärkte des Reiches erreicht war. Die Prignitz erlebte in den wilhelminischen Jahrzehnten einen nie da gewesenen wirtschaftlichen Aufschwung und eine bemerkenswerte Bevölkerungszunahme. Es entstanden die großen Stadtschulen und die städtischen Krankenhäuser, und in den damals gegründeten Museen von Havelberg (1904), Perleberg (1905) und Heiligengrabe (1910) dokumentierte sich die Geschichtsmächtigkeit dieser kurmärkischen Landschaft. Die Hauptstadt der Westprignitz (Perleberg) errang als Garnisonsstandort in der Zeit um 1900 zusätzlich an Bedeutung.

Mit der Verwaltungsreform in Preußen und der Schaffung von Provinzialregierungen wurde die Prignitz 1817 in die Kreise Ost- und Westprignitz mit den Hauptstädten Kyritz und Perleberg geteilt. An der Spitze der Kreisverwaltung stand der Landrat. 1952 wurden mit der Auflösung der von den alliierten Kontrollmächten nach Ende des 2. Weltkrieges gebildeten mitteldeutschen Länder durch die damalige DDR-Regierung schließlich die historisch gewachsenen Kreise der Mark aufgelöst. Die Prignitz wurde auf die neugeschaffenen Bezirke Magdeburg, Potsdam und Schwerin aufgeteilt und insgesamt 7 neuen Landkreisen zugeordnet (Perleberg, Pritzwalk, Wittstock, Havelberg, Ludwigslust, Parchim und Kyritz). 1990 wurden die alten Länder wiederhergestellt, und im Zuge der brandenburgischen Kommunalwahl trat am 5. Dezember 1993 eine erneute Kreisgebietsreform, die die historischen Grenzen allerdings wieder ignorierte, in Kraft. Mit dieser Reform entstand der heutige Landkreis Prignitz, der Teile der Ostprignitz mit Pritzwalk, Meyenburg und Demerthin sowie nahezu den gesamten alten Kreis Westprignitz (ohne Havelberg) umfaßt. Kurioserweise wurde daneben aus Teilen der alten Ostprignitz mit Kyritz und Wittstock und dem alten Land Ruppin ein neuer Landkreis Ostprignitz-Ruppin gebildet. Der heutige Landkreis Prignitz, dessen Hauptstadt Perleberg ist, hat eine Fläche von 2.141,8 km² und ca. 110.000 Einwohner (1993). Seit der Gemeindereform von 1993 war der Landkreis bis 2002 in 9 Ämter mit 90 amtsangehörigen Gemeinden und 3 amtsfreie Städte (Perleberg, Pritzwalk und Wittenberge) gegliedert. Eine erneute Gemeindestrukturreform 2002/2003 führte zur völligen Neuordnung der Landkreise in Brandenburg. Der Landkreis Prignitz mit einer Fläche von 2.123,26 km² und 91.658 Einwohnern (2003) gliedert sich heute nach erheblichen Eingemeindungen in die Stadtgemeinden Wittenberge, Perleberg und Pritzwalk sowie die Ämter Lenzen-Elbtalaue, Bad Wilsnack/Weisen, Meyenburg, Karstädt, Putlitz-Berge und die Großgemeinden Plattenburg, Gumtow und Groß Pankow/Prignitz. Mit 44 Einwohnern/km² gehört er heute zu den bevölkerungsärmsten Landkreisen Deutschlands.

Trotz der administrativen Teilungen der Prignitz zwischen 1952 und 2002 hat sich bei vielen Einwohnern eine Prignitzer Identität erhalten. Die Prignitz als historischer Landschafts- und auch Sprachraum blieb von diesen Teilungen unberührt. Auch die landesgeschichtliche Forschung betrachtet die Prignitz stets in ihren historischen Landschaftsgrenzen, und die Tourismusvereine werben gemeinsam für die Prignitz als Reiseregion.



 

Burg und Schloß Stavenow in der Prignitz

Beiträge zur Besitz- und Baugeschichte eines märkischen Rittersitzes

von Torsten Foelsch
                                                                          !! TEXT IN BEARBEITUNG !!

In malerischer Umgebung der wald- und wiesenreichen Löcknitzniederung liegt Stavenow. Die dortige Burg gehört zu den wenigen mittelalterlichen Anlagen der Prignitz, die noch bis in das 20. Jahrhundert hinein ihren wehrhaften Charakter bewahrt haben.                             Das alte Dorf, das wohl infolge der kriegerischen Ereignisse des 15. Jahrhunderts früh wüst geworden ist, lag einige hundert Meter Löcknitz aufwärts auf dem Heidenberge hinter dem Eisenbusch in der Berendtswiese. Das dortige Flurstück wird im Hausbuch von 1649 mit „Altstavenow“ bezeichnet. Hier soll sich ursprünglich auch die 1356 im Zusammenhang mit einer Fehde zwischen den Städten der Prignitz und der Familie von Stavenow gebrochene alte Burg befunden haben. 

Haus und Herrschaft Stavenow waren, ursprünglich markgräflicher Besitz, den die Grafen von Schwerin von den Markgrafen von Brandenburg zu Lehen trugen und ihrerseits wieder an Lehensleute übergaben.  Im 13. Jahrhundert war dies zuerst die Familie von Stavenow. Der erste Ritter von Stavenow, der urkundlich in Erscheinung trat, war Gerhard von Stavenow. Er testierte neben anderen Prignitzer Rittern in einer Urkunde des brandenburgischen Markgrafen Otto II. vom 9. Juni 1252, in der die Stadt Lenzen von den Zollabgaben innerhalb der markgräflichen Territorien befreit wurde. 

Stavenow spielte bereits im 13. Jahrhundert als fester Platz eine Rolle und wurde auch zu Beginn des 14. Jahrhunderts in den Lehnsstreitigkeiten zwischen den brandenburgischen Markgrafen einerseits und den Grafen von Schwerin andererseits, die nach der Lehnsoberhoheit über die für sie wichtige Burg strebten, immer wieder als wichtige Veste in den Urkunden erwähnt und zeitweilig sogar von den Truppen Heinrichs II. (des Löwen) von Mecklenburg (gest. 1329) besetzt gehalten. An einer Furt der damals viel wasserreicheren und durch ihre moorigen Ufer und zahlreichen Arme schwer zu überschreitenden Löcknitz errichtet, lag sie direkt an der Grenze der beiden terrae Perleberg und Lenzen. Die alte Hexstraße von Perleberg nach Grabow benutzte diesen Übergang. Die Burg bildete für den Grafen von Schwerin das Verbindungsglied zwischen seiner Eldefestung Gorksen und dem nordöstlichen Akzernith. Für die Sicherung der grtipischen Besitzungen gegen Bixznaknburg war Stavenow von größter Bedeutung. Über die Lehnsoberhoheit konnten sich jedoch die brandenburgischen Markgrafen und die Grafen von Schwerin nie wirklich einigen, sodass die Differenzen darüber noch bis ins 18. Jahrhundert hinein wirkten. 

1337 gelobten die Brüder Henning und Johann von Stavenow dem Markgrafen Ludwig von Brandenburg, ihm ihr Schloss Stavenow offen zu halten; der 1322 von den Markgrafen anerkannten Ansprüche der Grafen von Schwerin auf die Lehnshoheit über Stavenow wurde dabei nicht mehr gedacht. Bei dieser Gelegenheit verzieh der Markgraf denen von Stavenow die in den Jahren zuvor dem Lande durch Raub und Brand zugefügten Schäden. Auch als der Markgraf 1345 denen von Stavenow erneut einen verletzten Landfrieden verzieh, spielten die Grafen von Schwerin in den entsprechenden Urkunden keine Rolle. 

Dass die von Stavenow in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts einen großen Anteil an der allgemeinen Landesunsicherheit (also an den vielen Raubzügen und Fehden) hatten, geht weiterhin auch aus einem Vergleich zwischen dem Grafen Otto von Schwerin und dem Markgrafen Ludwig (dem Römer) von Brandenburg aus dem Jahre 1356 hervor, wonach die Familie von Stavenow wegen erneut begangener Friedensbrüche und Raubzüge ihres Lehens verlustig ging und die Burg selbst – wie es damals in derartigen Fällen üblich war – nach dem gewährten freien Abzug der Besatzung als „Raubnest“ geschleift wurde. Markgraf Ludwig akzeptierte in diesem Vergleich, daß das Schloß Stavenow künftig von dem Grafen von Schwerin als markgräfliches Lehen besessen werden kann. 

Nachdem also die alte Burg 1356 geschleift worden war, errichteten die Grafen von Schwerin auf dem heutigen Schlossgelände eine neue Burg. Zugleich setzten sie dort als ihren Amtmann den Ritter Kersten Bosel (auch Bozel) ein. Riedel begründet sehr treffend die Wahl des neuen Burgplatzes mit folgenden Worten: „Das Haus Stavenow selbst liegt in einer durch die Löcknitz. und sumpfige Umgebungen gesicherten Luge. Der Wasserstand dieses Flusses war ehemals beträchtlicher als gegenwärtig, gewiß bildete daher auch die nächste Umgebung des festen Hauses oder der Burg in früherer Zeit, wenigstens zu gewissen Jahreszeiten, mehr einen See als eine Wiese. Dazu umwehrte die Burg ein tiefer Graben, der zu allen Jahreszeiten mit Wasser angefüllt war, und über welchen, so wie über die vorbei fließende Löcknitz, nur auf Zugbrücken ein Übergang stattfand. In einer beträchtlich späteren Zeit wird man schwerlich diesen Platz für den Aufbau des Hauses erkoren haben, und offenbar nur akzessorisches vorwärtstreibendes Streben nach einer von Natur aus sehr sicheren Lage zu diesem Felsen hin hat dazu führen können, dass der Aufbau eines Burggebäudes mit den größten Schwierigkeiten verknüpft seyn mußte. 

Nachdem Graf Claus von Schwerin 1358 die Grafschaft Schwerin mit dem halben Lande Lenzen und allem Zubehör an Herzog Albrecht II. von Mecklenburg (1318–1379) verkauft hatte und die Familie von Bosel diesem im Verlauf einiger Jahre beträchtliche Geldsummen geliehen hatte, verlieh der Herzog 1365 Stavenow der Familie von Bosel als Pfandbesitz. Die Beleihung mit Stavenow erfolgte mit der Bedingung, daß sie sich mit dem Schlosse und Gute zu keinem andern Herren setzen, noch jemals solches anders zu Lehn empfangen, vielmehr dem Herzoge und seinen Erben ewiglich als getreue Lehnsmannschaft daran dienen, auch das Schloß allezeit zu ihrem Nutzen und zu ihren Nöten offen und dessen Wiederkauf nach einer zu errichtenden Taxe freistehen. 

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts (1405) verpfändeten dann die Herzöge Albrecht und Johann von Mecklenburg Stavenow für 6.000 Mark an Johann, Luder und Wippert von Lützow, Hans von dem Kruge und Klaus von Quitzow, und zwar zu ähnlichen Bedingungen wie 1365 bei denen von Bosel, die 1405 nicht mehr im Zusammenhang mit Stavenow erwähnt wurden. Die von Lützow gaben bereits um 1410, die von Kruge um 1421 ihr Mitpfandrecht an Stavenow auf, so daß die von Quitzow seit dieser Zeit als alleinige Pfandinhaber Stavenows in Erscheinung traten. Schließlich wurde der Pfandbesitz 1533/34 auf Betreiben des damaligen Pfandinhabers Lüdke von Quitzow (ca. 1495–1565) durch die Herzöge Albrecht VII. und Heinrich V. von Mecklenburg in ein erbliches Lehen umgewandelt und eine entsprechende Belehnungsurkunde für Lüdke von Quitzow und seine männlichen Leibeslehnserben, unter Aufnahme seiner Brüder und Vettern in die gesamte Hand, mit dem Schloss Stavenow und mit dessen Zubehör ausgestellt. Dafür zahlte Lüdke von Quitzow an die Herzöge Albrecht und Heinrich von Mecklenburg die nicht unbeträchtliche Summe von jeweils 500 Gulden. In ihrem Lehnseid gelobten Lüdke und seine Vettern den Herzögen, das Schloß mit Zubehör nur von den Herzögen, als den rechten natürlichen Erb- und Lehnsherren desselben, zu empfangen, auch von niemand anders als ihnen und ihren Erben verpflichtet oder verwandt, ferner mit den Ritter- und Minnediensten auch andern gebührlichen Pflichten, gleich andern fürstlichen Lehnsherren und Untertanen, gewärtig und gehorsam zu seyn. Die von Quitzow blieben bis zum Jahre 1635 im Besitz von Burg und Herrschaft Stavenow, die im 16. Jahrhundert die Burg mit der Flur des wüst gewordenen Dorfes, die Orte Mesekow, Premslin, Glövzin, Blithen, Garlin und Karstadt sowie die Wüstungen Dargardt, Semlin, Duvenholt, Groß und Klein Wendfeld umfaßte. Davon galten die Burg Stavenow selbst sowie die dazugehörigen wüsten Feldmarken Stavenow, Dargardt und Duvenholt bis ins 18. Jahrhundert als mecklenburgische Lehen. Die Aufnahme dieser drei Feldmarken in den Lehnsbrief erfolgte auf Veranlassung Lüdkes von Quitzow, da man nicht wissen mugen, was zu dem Hause Stauenow gehorikg, vnd also umvissentlich welicke merkische oder mecklenburgische lehen sein mochten

Lüdke von Quitzow ließ nach der erfolgten Belehnung mit Stavenow den vorhandenen Wirtschaftshof ausbauen. Auch die Burg, die ihm als Sommersitz diente und damals keine militärische Bedeutung mehr besaß, wurde im Renaissancestil zu einem Wohnschloss ausgebaut. Er selbst wohnte überwiegend in seinem Haus in Perleberg, das er 1556 von Hans Schenk erworben hatte und das dicht hinter der Pfarrkirche lag. Außer diesem Haus besaß er in Perleberg noch zwei weitere, allerdings wüste Hausstellen, die er 1560 Andreas Karstedt abkaufte. Zu diesem Besitz gehörte damals auch das Mitjagdrecht auf dem Perleberger Stadtfeld und in der Stadtforst sowie ein Turm (der sogen. Burgfriede), den Lüdke von Quitzow 1556 dem Rat der Stadt abgekauft hatte.‘* Vermählt war Lüdke von Quitzow mit Anna von Oberg (gest. 1591), die ein bedeutendes Vermögen mit in die Ehe gebracht hatte. Nach einer alten, 1546 datierten Sandstein-Wappentafel am Turm des Schlosses ist anzunehmen, daß dieses Vermögen mit zur Umwandlung des Pfandbesitzes Stavenow in ein erbliches Lehen angewandt wurde und wohl in diesem Jahr auch Umbaumaßnahmen am Schloß abgeschlossen wurden. 

Lüdke von Quitzow war Rat des Kurfürsten Joachim II. von Brandenburg, und in der Prignitz genoß er großes Ansehen und den Ruf, ein erfolgreicher Diplomat zu sein. So wird er immer wieder vom Kurfürsten, aber auch von Prignitzer Familien, der Stadt Perleberg, den Klöstern zu Heiligengrabe und Marienfließ u. a. zu Verhandlungen als Schlichter hinzugezogen. Der Fortbestand letzterer beiden nach der Reformation ist im Wesentlichen sein Verdienst. Er stand auch in mecklenburgischen Diensten, war dort Rat des Herzogs Albrecht, mecklenburgisch-güstrowscher Statthalter, Oberhofmarschall und Amtshauptmann zu Neustadt. 

Lüdke von Quitzow bemühte sich auch um die Hebung seines Besitzes und eine Erweiterung des Gutsbetriebes, die durch Ausdehnung der Anbauflächen auf dem Großen und Kleinen Wendfeld und die Erwerbung Semlins, wo er eine Schäferei errichtete, möglich wurde. In Premslin baute er den von Bernd von Rohr gekauften Hof zu einem „vihofftmt einen Rittersitz“ aus, der stets einem nachgeborenen Sohn der von Quitzow auf Stavenow als Wohnsitz dienen sollte. Die Premsliner Kirche diente den Stavenower Quitzows als „ordentliches Begräbnis“. Lüdke von Quitzow übernahm 1545 das Patronat über die Premsliner Kirche, das bis dahin vom Kloster Marienfließ ausgeübt worden war, stiftete hier u. a. ein Fenster mit seinem Wappen und gab 1550 das Geld und das Holz „zur Erbauung des Glockenturmes“. 

Auch die Stavenower Schlosskapelle war wahrscheinlich eine Gründung Lüdkes. In ihr waren noch 1647 des alten Lütken von Quitzow, sei. und dessen sel. Hausfrauen gemahide auf zwei Tafeln, „als auch des Sel. Cuno von Quitzow Conterfey, an der Wand hängend vorhanden. Es waren außerdem auch noch ein Altar mit Kruzifix und „Schnitzwerk von Holz“ und „die Cantzel mit einer Oberdecke“ erhalten.

1555 übergab Lüdke von Quitzow seinem Sohn Albrecht (1527-1595) Stavenow. Dieser setzte die Bauarbeiten am Schloß fort und ließ u. a. auch die Schloßgräben reinigen und instandsetzen. So heißt es dazu u. a. “Anno 1560 donnerstages am Tage Corpris Christi (hat Albrecht von Quitzow] mit einem Teichgräber, genannt Philippus, fast solchen graben umbs Hauß undt Schloß Stavenow verdinget, und ausbringen laßen und dem Teichgräber [dafür) tonn Butter, I I/2 Wispel Roggen, I Schefel Saltz,    20 Tonnen Bier und 4 Schefel Erbsen [gegeben] . . . und dafür ist nuhr der eine Graben, oben umbs Haus, ausgemacht worden.“ Die stets wasserführenden Gräben des Schlosses waren in der Regel mit Fischen besetzt, deren Ertrage der Haushaltung dienten. 

In der Erbauseinandersetzung nach Albrechts Tod erhielt 1601 dessen jüngster Sohn Lüdke (gestorben 1635) Stavenow durch das Los. Infolge der dramatischen Preisentwicklung bei Agrarprodukten in den ersten zwei Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts geriet die Herrschaft Stavenow in eine schwierige wirtschaftliche Lage. Außerdem bestanden Zahlungsverpflichtungen des Besitzers seinen Brüdern gegenüber, denen er nicht nachkommen konnte. Schließlich verkaufte Lüdke von Quitzow Stavenow an seinen Bruder Cuno (gest. 1633), der allerdings unter den stetig wachsenden Schuldenlasten und schließlich den Auswirkungen des 30jährigen Krieges wirtschaftlich zusammenbrach, “Not und Armut hat leiden müssen und elendlich gestorben ist". Nach einer Taxe aus dem Jahre 1624 gehörten damals außer dem Schloß, ein Back- und Brauhaus, ein Kornhaus mit 2 Böden, ein Viehstall, 2 Scheunen, ein Vorwerk, der Krug und noch ein anderes Gebäude zum Rittersitz. Daneben gab es noch 3 Gärten: den Baumgarten zwischen der Mühle, den Kohlgarten hinter der Scheune auf der Mäsche und den Kohl- und Hopfengarten daselbst.

1635 wurde endlich auf Drängen der Gläubiger durch das brandenburgische Kammergericht die Versteigerung der gesamten Herrschaft verfugt. Da sich zunächst kein Käufer fand, wurde der Besitz verpachtet. Schließlich wurde die Herrschaft Stavenow 1647 von Joachim Friedrich Freiherrn von Blumenthal (1607-1657) im Zuge einer gerichtlichen Veräußerung, die von einer aus mecklenburgischen und brandenburgischen Raten zusammengesetzten Kommission betrieben wurde, für 26.360 Taler erworben, und zwar den brandenburgischen Anteil an der Herrschaft Stavenow (Besitzungen, Hebungen und Herrschaftsrechte in den Dörfern, Vorwerken und wüsten Feldmarken Gosedahl, Garlin, Banekow, Semlin, Blüthen, Premslin, Glövzin, Mesekow, Groß Gottschow, Perleberg und Karstadt) wiederkäuflich auf 45 Jahre, den von Mecklenburg zu Lehn gehenden Anteil (das Schloß Stavenow selbst, die wüste Feldmark Dargardt sowie Herrschaftsrechte und Hebungen in Karstädt und Sargleben) aber erheblich. Die mecklenburgische Lehnshoheit über einen Teil der Herrschaft Stavenow erlosch praktisch erst im Zusammenhang mit den innenpolitischen Wirren in Mecklenburg-Schwerin zu Beginn des 18. Jahrhunderts unter Herzog Carl Leopold (1678-1747). Spätere Bemühungen Mecklenburgs, die alte Lehnsherrlichkeit über Stavenow wieder geltend zu machen, führten während der Regierungszeit Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs des Großen von Preußen zu keinem Ergebnis und scheiterten schließlich gänzlich. 

Joachim Friedrich von Blumenthal gehörte als Wirklicher Geheimer Rat und erster Statthalter des Fürstentums Halberstadt (seit 1649) lange Zeit zum engsten Vertrauten- und Beraterkreis des Großen Kurfürsten und erwarb sich nach dem Ende des verheerenden Krieges große Verdienste um den Aufbau der Verwaltung und die Ordnung der Staatsfinanzen. Schließlich stand er als Direktor des Geheimen Rates zeitweise an der Spitze der kurbrandenburgischen Regierung und vertrat den Kurfürsten auf dem Reichstag zu Regensburg 1653-54. Darüber hinaus stand er in den 1640er Jahren als Reichshofrat und kaiserlicher Reichskriegskommissar auch in unmittelbaren kaiserlichen Diensten. In diese Zeit (1646) fallt seine Erhebung in den Reichsfreiherrenstand durch Kaiser Ferdinand III. Blumenthals besonderer Einfluß am kaiserlichen Hof in Wien bestimmte einige Zeit das politische Klima zwischen Habsburg und Hohenzollern. Bis zu seinem Tode verband ihn und den Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg ein ausnehmend freundschaftliches Vertrauensverhältnis. Blumenthal gilt als einer der großen europäischen Staatsmänner des 17. Jahrhunderts. Sein ältester Sohn, Christoph Kaspar (1636-1689), schließlich erlebte am Hofe des Großen Kurfürsten eine glänzende, nahezu atemberaubende Karriere im diplomatischen Dienst und erwarb sich als geschickter, ja unentbehrlicher Sondergesandter in wichtigen Missionen, vor allem in Frankreich, große Verdienste und das Ansehen seines Landesherrn. Christoph Kaspar von Blumenthal führte u. a. für Brandenburg die Unterhandlungen zum Frieden von Olivia (1660), der Kurbrandenburg die Souveränität des Herzogtums Preußen bestätigte. Er war Mitglied des Geheimen Rates und Herrenmeister des Johanniter-Ordens. Verheiratet war er mit Luisa Hedwig von Schwerin, der Tochter des einflußreichen kurbrandenburgischen Geheimen Rates und Oberpräsidenten Freiherrn Otto von Schwerin (1616-1679), der ein enger Freund des Großen Kurfürsten war. 

Er erbte Stavenow 1657, dass er auf Grund seiner beruflichen Laufbahn im diplomatischen Dienst jedoch überwiegend von Pächtern bzw. Administratoren bewirtschaften ließ. 1689 bat er beim Kurfürsten um Urlaub nach Stavenow, „wo er binnen etlichen Jahren nicht gewesen sei. Dort starb er aber überraschend am 19.9.1689 „nach dreyen Wochen ausgestandener Krankheit sanfft und seelig“

Das Schloss Stavenow bot bei der Übernahme durch Joachim Friedrich von Blumenthal ein verwahrlostes Bild. Eine erste Beschreibung des Schlosses aus dieser Zeit liefert schließlich ein Inventar aus dem Jahre 1647.  „Auf den Hause oder Schlosse zu Stavenow, wenn man durch das letzte Thor geht, welches ein aufgemauerter Schweibogen [Schwibbogen] mit zweyen anhängenden fertigen Thorflügeln ist und auf der linken Hand den viereckigen Thurm, auf der rechten aber die Kapelle befestiget, befindet sich ein viereckiger hoher Thurm mit gar starkem Mauerwerk, unter welchem ein gewölbter Keller, so voller Erden und Steingruß, lieget und ohne Thüren, oben diesem Keller oder Gefängnis ist eine gewölbte Stube… Kaum eines der vielen Bleiglasfenster im Schloss war ganz geblieben. Der Turm selbst hatte ein Dach mit „8 Giebeln“, in Holtz gebaut und ausgemauert … „ und auch hier wurden erhebliche Schäden verzeichnet. Mehrere Gebinde und Giebel waren derart schadhaft, dass sie erneuert werden mussten. Auch wurden immer wieder verfaulte und undichte Dachrinnen und Kehlen erwähnt, die zu Schäden an Decken und Fußböden geführt hatten. Die noch vorhandenen Kachelöfen waren überwiegend noch benutzbar. Auch die Kapelle im Nordflügel befand sich in einem sehr schlechten Zustand.   „Der Krautgarten hinter dem Hause wie auch der Baumgarten zwischen den Wällen, der Kohlgarten hinter der Scheune auf der Mäsche, dann auch der Kohl- und Hopfengarten hinter der Scheune sind also bewachsen, so dass es einer Wüsteney ehnlicher ist als einem Garten, doch dass etwa der dritte Teil des Hopfengartens hinter der Scheune noch zugerichtet und der Hopfen gestaket…“ werden könne. 

Der mit „der Einrichtung der Haushaltung und Anbauung und notwendiger reparierung der gantz baufälligen gebäude … beauftragte Kammerherr des Freiherrn von Blumenthal, Johann Linde, hat den erbärmlichen Zustand des Anwesens in einem Bericht an seinen Herrn festgehalten. Das Schloss und auch die dazugehörigen Gebäude waren in einem außerordentlich schlechten Zustand. 1626 lagen zudem noch Truppen des Grafen von Mansfeld sieben Wochen lang auf Stavenow. Danach folgten (bis 1630) die Kaiserlichen, die den Rittersitz nahezu verwüstet hatten.

Johann Linde berichtete dann schließlich auch sehr ausführlieh über die 1647 beginnenden Instandsetztungsmaßnahmen am Rittersitz. „Und ist vors Erste die Brücken unten am Kornhause verfertiger, hernachmals die beide brügken als Zugbrücken hinauff kostbar und bestendig wieder gantz uffs neue verfertiget. Die Graben gedoppelt umb das Haus herumb durch einen Teichgräber wieder renoviret und ausgeräumet, demselben . . . 280 Thl. angeidt sampt 2 Scheffel Roggen, 1 Wispel Erbsen und I Wispel Gersten ist dafür gegeben -worden... Die andre Gebäude dabey Scheune, die noch vorhanden, die andere aber von den Soldaten abgebrandt, nebenst dem Viehehaus, Thorhaus und ställung nach der Straßen auf Perleberg zu, ist wieder in dach und fach gebracht, . . . gleicher gestalt auch die Thorwege nach der Löcknitz und nach Perleberg zu gantz neu verfertiget, z u sampt den Brücken und Dämmen ufl benenter Straßen semptlich wieder repariret. 
Zu den Gärten schrieb Linde folgendes: „So hat man hierbey keine gute Wirtschaft oder Haushaltung verspuren können, dieweil nicht mehr als der Walle, umb den Wasergraben an Obstbaumen, die mehrheitlich wilde und nicht befedt gewesen, befunden, desgleichen auch wenig, an die Küchengarten gewendet, und gebauet worden, deswegen Hochgemelt. freiherrl. Gnaden [Joachim Friedrich von Blumenthal] mit besondern Coßbahrkeiten einen schönen Lust- und Küchen Garten, anruhte, bauen, und machen laßen. Und ob schon in demselben ein wenig Hopfen jedoch mehrentheils mit Weyden und andern Holtz bewachsen gewesen. So kan dahingegen hinter und an diesem Garten hinwieder ein nutzbahrer Hopfen Garte angeleget und in Kiirtze auch geliebts Gott verfertiget werden. “’ Dieser neue Lustgarten des Freiherrn von Blumenthai gehörte zu den 12 bedeutenden Gärten in der weiteren Umgebung von Berlin, die der kurfürstliche Hofgärtner Johann Sigismund Elsholz 1666 in seinem Werk “Vom Gartenbauw ” besonders hervorhob. 
Lust-, Küchen- und Baumgarten waren “mit einem Hekkenzaun umgeben, welcher aber nun [1675] sehr abgängig geworden.  Hiermit sind die Hainbuchenhecken gemeint, die im 17. und 18. Jahrhundert ein beliebtes Gestaltungselement in den Parkanlagen der Mark waren. Im Lustgarten stand ein neues Gartenhaus, das u. a. auch eine “Gewächsstube” und einen Ofen “von Bernsteinen” enthielt.    Bei all diesen Aktivitäten Joachim Friedrichs von Blumenthal in Stavenow ging es jedoch in erster Linie hauptsächlich darum, den Gutsbetrieb wieder in Gang zu bringen. Er selbst hatte kaum in Stavenow gelebt und das Gut überwiegend verpachtet. Auch seine Nachkommen ließen Stavenow von Amtsleuten verwalten oder verpachteten es zunächst. Dennoch haben sie schließlich das Schloß gegen Ende des 17. Jahrhunderts nochmals instand setzen lassen und ihm eine barocke Fassade verliehen. Dies geht aus den Akten deutlich hervor. Die verwüstete Kapelle wurde um 1667 abgetragen, und an ihre Stelle trat ein neu aufgeführter Nordflügel. Der Turm, der den Schloßhof nach Süden hin abschloß, wurde 1667 mit “gutem eichenen Holtze neu überbauet“.

1692 übernahm Friedrich von Blumenthal (16651697) Stavenow wieder in eigene Verwaltung und begann damit, die durch den Krieg wüst gewordenen 50 Hüfnerstellen der Herrschaft wieder neu zu besetzen und aufzubauen. Daneben ließ er das Schloß zu seinem Wohnsitz ausbauen und auch einige Wirtschaftsgebäude neu errichten. In einer Taxe aus dem Jahre 1694 wird folgende Zustandseinschätzung über den Rittersitz getroffen: „..das Schloß ist in gutem Stande, allein mit einfachen Ziegel Dache; daß Ampts Hauß ist im Stande auch einfachen Ziegel Dach  Die Scheune, ist neu undt im guten Stande von einfachem Ziegeldach; der lange Stall Verbindt, ist neu, undt einfachen Ziegel Dache" .

Ein Inventar aus dem Jahre 1705 beschreibt schließlich sehr genau den barocken Wohnsitz der Familie von Blumenthal. “Das Schloß mit zwey Flügeln, und ein Quergebäude, darinnen sich ein Thurm befindet, ist umb und umb mit einer guten Mauer aufgeführet und mit einem doppelten Dach bedecket, über dem Dache seynd sechs Schornsteine heraus gemauert, daran der weiße Kalck vom Regen meist abgewaschen. Über den Thurm ist eine Zierath von Eisen gemachet und aufgesetzt. Das gantze Hauß ist umb und umb weiß abgediinchet und die Ecken und Fenster Aschfärbig bestrichen" .

Der Hofplatz ist mit Feldsteinen von der Brücke an gepflastert. Die Zugbrücke über den Hausgraben ist im vorgegangenen Winter neu gebauet und hat eine gebogene Einfahrt. “ Die Inneneinrichtung ist damals größtenteils erneuert worden. Die Zimmer waren stilvoll mit Lamberien ausgestattet, darüber mit ‚ bunden wullenen Tapeten “, ‘gelb und roth bunten Zeug” oder auch “rund um mit zwey Stücken hochgüldenen Leder beschlagen. rm Die Lamberien waren bunt angestrichen. In einigen Zimmern gab es ‚weiß gardinen von Schlesischer neuer Leinwand  Daneben waren auch Kachelöfen, Zinn-Blaker, Gueridons, “Schildereyen mit verguldeten Rahmen, zwei holländische ausgeschnitzte holtzeme gemahlt Bilder, zwei Camin Schirme, Stühle mit gulden Leder beschlagen und Dielenfüßböden vorhanden.  Es wurden außerdem “zwey fürstliche Portraits mit oval verguldeten Rahmen, 18 kleine Kupfer Stiche in verguldeten Rahmen ” und “einige Gips Puppen ” in den Zimmern erwähnt.

Graf Adam Ludwig von Blumenthal (1666-1704) war der letzte seiner Familie, der im Schloß lebte. Er ließ noch 1704 den Schloßgraben reinigen und mit “allerhandt fischen” besetzten. Nach dem frühen Tode Friedrichs von Blumenthal einigten sich dessen Bruder dahingehend, daß Adam Ludwig (166-1704) Stavenow, das damals mit 40.000 Taler bewertet wurde, erhielt. Die Wiederkaufsfrist für Stavenow wurde 1698 verlängert. Adam Ludwig war aktiver Offizier im Leibdragoner-Regiment der kurbrandenburgischen Armee und nahm als solcher an den Feldzügen gegen Schweden (1678), gegen die Türken in Ungarn (1686-1692) und anschließend als Oberstleutnant im Spanischen Erbfolgekrieg am Rhein teil. Dort fiel er 1704 in der Schlacht bei Höchstädt. Adam Ludwig erwarb sich durch seine militärischen Führungsleistungen großes Ansehen und wurde schließlich an- läßlich der Königskrönung 1701 in Königsberg vom Kaiser in den Reichsgrafenstand erhoben. An der Krönung in Königsberg am 181.1701 nahm er dann auch an hervorragender Stelle teil und trug im Krönungszug eine Stange des Thronhimmels. Vermählt war er mit einer Tochter des kurbrandenburgischen Generalfeldmarschalls Adam von Schöning, der neben Schwerin zu den engsten Beratern des Großen Kurfürsten gehörte. Da sein Sohn Friedrich (1702-1732) beim Tode des Vaters noch unmündig war, muteten seine Vormün- der, die brandenburgischen Rate Johann Caspar Mieg und Johann Heinrich Fuchs, 1704 für ihn auf die väterlichen Güter Pretschen und Stavenow, soweit diese brandenburgische Lehen waren. Der Lehnsbrief für den mecklenburgischen Anteil von Stavenow wurde 1705 ausgestellt. Noch während der Unmündigkeit des Grafen Friedrich lief 1716 die auf 70 Jahre festgesetzte Rückkaufsfrist von Stavenow für die Familie von Quitzow aus. Da der letzte berechtigte Lehnsagnat dieser Familie, der königlich-preußische Hof- und Legationsrat Cuno Hartwig von Quitzow (1657-17 19) nicht in der Lage war, Stavenow selbst wieder zu erwerben (“reluieren “), trat ( “cedirte “) er 1717 seinen Besitzanspruch (Lehns- und Reluitionsrecht) für 12.000 Taler an Andreas Joachim von Kleist (1678-1638) ab.

Nach langwierigen Verhandlungen mit den Vormündern des Grafen Blumenthal wurde die gesamte Herrschaff Stavenow, also auch der mecklenburgische Anteil, am 24. Februar 1719 für 44.000 Taler verkauft“. Damit erlosch zugleich auch der Anspruch der Familie von Blumenthal auf Stavenow. 1722 erfolgte schließlich im Rahmen der von König Friedrich Wilhelm 1. für Preußen verfügten Allodifizierung der Lehen die Umwandlung des Lehngutes Stavenow in ein Allod, verbunden mit der jährlichen Zahlung eines Kanons von 60 Talern statt der bisher zu stellenden Lehnspferde. Das Schloß, das zu dieser Zeit bereits wieder baufällig war, wurde nun erneut grundlegend instandgesetzt. Auch die Gebäude des Gutshofes wurden teilweise erneuert. In den Akten heißt es um 1725 dazu, daß das Schloß nunmehro in fertigen stande gesetzet, nachdem statt der überall darinnen vermoderten BaIcken und Brettern Bodens neue Balcken und gewundene Bohlen, auch lauter neue Fenstern darinnen gemachet und sonst alles übrige völlig gebessert” wurde. Die Zimmer wurden außerdem neu ausgestattet.      Im Nachlassinventar der Maria Elisabeth von Kleist aus dem Jahre 1758 werden u. a. folgende Gegenstände aufgeführt: "ln dem gewöhnlichen Wohnzimmer I7 Portraits von der Familie, eine gemalte Katze . . . . in der Schlafstuben 3 Schildereien mit Glaß bedecket, worunter die eine das hiesige Schloß und eine die Situation des Gutes betrifft, noch 3 Portraits von denen Hr. Gebrüdern von Kleist mit güldenem Rahmen".

Der Zustand des Gutes bei Übernahme durch die Familie von Kleist muß ein sehr schlech- ter gewesen sein, zwar wurde “besage der Specification der Blumenthalschen Unkosten unterschiedliches daran melioriret.. . “, so zeigte doch aber ein Vergleich “mit dem jetzigen [ca. 1720 Zustande, daß alles noch in gar schlechten Stande und absonderlich die Gebäude sehr baufälig [sind], der Acker eintheils mit Busch bewachsen oder mit Steinen bedecket an mit theils außer Art und Düngung [ist]. Die Wiesen [sind] ganz sumpich und mit Wasser befloßen, die Graben verfaIlen, die Löcknitz und [die] Teiche ungeräumet... ” Die beiden ersten von Kleistschen “‘Ambt Leute” hätten sogar “noch vor Ablauflihrer Jahre mit vielen Schulden wieder davon ziehen müssen”, bis schließlich der Oberstleutnant von Kleist und sein Bruder, der Hauptmann Berend von Kleist, die Wirtschaftsleitung selbst übernahmen und das Gut durch diese schon nach nur vierjähriger Anwesenheit “un- gemein gebessert” werden konnte. Die Gutssiedlung wurde von der Familie von Kleist praktisch neu aufgebaut, und auch der Lustgarten beim Schloß wurde 1720 mit „allerhand Frantz Obst” neu angelegt. Den Lustgarten zierten zahlreiche südländische Kübelpflanzen, wie Orangen-, Lorbeer-, Citronen-, Feigen- und Myrthenbäume, die in den Wintermonaten in einer Orangerie aufgestellt wurden. Selbst vierzig Jahre später hat sich dieses Orangerie-Inventar nur unwesentlich verändert. Ein interessantes Zeitbild vermittelt im übrigen auch das im Nachlaßinventar von 1758 enthaltene Verzeichnis der damals auf dem Gut vorhandenen Gartengerätschaften.

Darin werden “1 Garten Schnur, I Staden, 2 Mist Forcken, 3 Kohl Hacken, I Queeckhacke,  2 Harcken mit eisernen Zähnen, 1 hölzern Erden Sieb, I Draht Seil, 3 Scheeren, I Beil,  1 Sense, I3 Mistbeet Fenster, 12 gläserne Klocken, 2 Baum Krätzer, I Schieb Karre, I Schaufel Karre, 2 Gieß Kannen, 62 Blumentöpfe”  erwähnt.”  Auch das bisherige Bewirtschaftungssystem der Ackerflächen ist von der Familie Von Kleist nach übernahme Stavenows geändert worden. “Der Acker, welcher bisher in 4 Felderr alhier getheilet gewesen, ist nun in 3 Felder geschlagen“. “Die Kirche und Thurm dabey sind ao 1726 auch erst von neuem erbauet und wird herum von bloßen Mäuerwerck aufgeführet, die Kirche [ist] mit doppelts Dach von Ziegelsteinen und der Thurm mit Eichen-Spliss gedecket, auch unter der Erden ein Erbbegräbniß gewölbet". Nachdem seit dem Abbruch der alten Schloßkapelle (um 1667) das untere Gemach des Schloßturms provisorisch zum Gottesdienst genutzt wurde, hatte mithin Stavenow seit 1726 wieder eine eigene Kirche. Sie wurde neben der Gutssiedlung ca. 500 m östlich vom Schloßgelände errichtet, die Kirchhofsmauer aus Feldstein stammt laut Inschrift aus dem Jahre 1742.

Das Vorwerk Semlin wurde 1724 ebenfalls neu aufgebaut. Daselbst wurde auch ein “neues Wohnhaus von einer Etage und 13 Gebind mit gedoppelten Stendem auch Ziegeldach und auswendig in den Fächern gemauert, darinnen aufjechlicher Seiten 2 Stuben und          2 Cammem auch oben ein Kornboden befindlich ist, ao I724 gantz neu gebauet. “  Der Beschreibung nach entspricht dieser Neubau schon den typischen Entwurfsvorgaben der Bauinspektoren der Kurmärkischen Kammer.


Nach dem Tode des Andreas Joachim von Kleist (1738) übernahm seine Witwe, Maria Elisabeth, geb. von Hake (1700-1758), die Leitung Stavenows. 1753 bauten die von Kleist auch das wüste Dargardt wieder auf, daneben errichteten sie dort auch ein Vorwerk, den “Kleistenhof. Der Siedlungsplan für Dargardt wurde von Konrad von Kleist entworfen, der von 1754 bis zum Tode seiner Mutter Maria Elisabeth (1758) die Herrschaft Stavenow verwaltete.” Nach dem Tode Marie Elisabeths von Kleist übernahm 1759 ihr Sohn Friedrich Wilhelm von Kleist, der als Major im Kürassierregiment Nr. 7 (von Driesen) stand, Stavenow. Dieser lieh einem weiteren Bruder, dem Husarengeneral Friedrich Wilhelm Gottfried Arndt von Kleist (1724-1767), während des Siebenjährigen Krieges 10.000 Taler für die Bildung eines Freikorps.  ‘Lessing besuchte später diesen Major Friedrich Wilhelm von Kleist und hat seine Persönlichkeit in seiner ‘Minna von Barnhelm’ festgehalten.  Bei der Silbernen Hochzeit des Majors Friedrich Wilhelm von Kleist auf Stavenow,  der inzwischen auch residierender Kommendator des Johanniterordens zu Wietersheim geworden war, wurde ‘Minna von Barnhelm’ aufgeführt".

Der bedeutende Gebäudebestand des Gutes Stavenow, der besonders auch von der regen Bautätigkeit der Familie von Kleist zeugt, wird durch eine entsprechende Auflistung in einer Versicherungsakte aus dem Jahre 1800 deutlich. Darin werden folgende Bauwerke aufgeführt: ein massives Wohnhaus (das Schloß), ein Gärtnerhaus, ein massives Gewächshaus,  ein massives Gerichtsdiener- und Hirtenhaus, ein Wirtschaftshaus, 1 Brauhaus, eine Holländer-Wohnung, ein Krug, eine Schmiede, ein Schäferhaus, eine Drescher-Wohnung, eine große, eine kleine und eine massive Scheune, eine Scheune mit Stallung, ein Viehhaus nebst Kornboden, einige kleine Stalle, drei Schweinestalle, ein langer Pferdestall,  ein massiver Viehstall, ein Pferdestall, weitere zwei Schafställe, insgesamt neun Wohnungen (für die Tagelöhner), ein Schulmeisterhaus und die massive Kirche.

Nach dem Testament Marie Elisabeths von Kleist wurden ihre 10 Söhne als gleichberechtigte Erben eingesetzt. Diese überließen dem Major Friedrich Wilhelm von Kleist  Stavenow für eine anteilmäßige Ablösungssumme und weitergehende, jedoch für die Wirt- schaftsführung ungünstige Erbregelungen, wonach bei jedem Erbnachfolger ein Stammkapital von 127.487 Taler nachzuweisen war. Dazu kamen die großen Verpflichtungen  Friedrich Wilhelms seinen Brüdern gegenüber, die er ja abzufinden hatte. Da sein ihn beerben- der Bruder Friedrich Ferdinand von Kleist. nicht in der Lage war, bei Übernahme der Herrschaft das geforderte Stammkapital nachzuweisen, entschlossen sich die Erben endlich, Stavenow (mit allen Zubehörungen) frei- zu verkaufen.

Die Herrschaft Stavenow wurde dann schließlich 1809 ff. an den preußischen Staatsmini- ster Otto Carl Friedrich Freiherr von Voß (1755-1823) für 255.000 Taler verkauft. Eine umfassende Beschreibung der Güter Stavenow, Dargardt, Semlin und Premslin aus dem Jahre 1808 enthält u. a. auch eine sehr schöne Darstellung der Schloß- und Gutsanlage in Stavenow zum Zeitpunkt des Verkaufs an den Staatsminister von Voß mit einer Beschrei- bung der einzelnen Gebäude. Darin heißt es.: “Das herrschaftliche Wohnhaus liegt auf einer nach den Wiesen heran steigenden Anhöhe und besteht aus einer Hauptfronte gegen Abend, einem Flügel gegen Mittenacht und einem Flügel gegen Mittag, darin auch Zim- mer befindlich. Es ist ganz massiv, nach alter Bauart und in gutem Stande. Die darinne befindlichen Zimmer und stuben sind groß und geräumig, doch mehr nicht bequem eingerichtet. Gegen Mittag stößt an diesem Gebäude ein kleiner Garten von einem Morgen Größe, weicher mit einem 4 Ruthen breiten, zu beiden Seiten mit großen Feldsteinen ausgesetzten und mit Rohr bewachsenen Canal und hohen Hecken Gängen umfasst ist, aber nur allein zu Blumen Anlagen gebraucht wird Mitten in dem ebenbenannten . . . dicht am Garten ist ein ganz massives Gewächshaus aufgeführt, worin ein Saal, 2 Stuben und 2 Kammern befindlich. Dieses Gebäude ist aber trotz seiner massiven Seiten Wände nicht ganz . ..fest. weil das Fundament allem Vermuten nach nicht tief genug gelegt ist, denn nach der Mittagsseite zu sind die Wände schon in 2 Theile gesprungen. Der oben ange- führte um den Garten gehende Canal schließt auch argleich das herrschaftliche Wohnhaus mit ein. Die Kommunikation mit den übrigen Heilen des Gutes wird durch eine Zug  Brücke und durch einen durch den Garten und das Gewächshaus führenden Gang unterhalten. Die Luge selbst ist sehr angenehm, in dem von dem selben nicht allein der größte Heil der Wiesen, sondern auch der größte Heil der Wiesen, sondern auch der größte Theil der zum Guth gehörenden Äcker übersehen werden . Gegen Mittag, und zwar bloß durch die Durchgehende Straße, vom Gewächshause getrennt, liegt der Wirthschaftshaus welcher durchgängig gepflastert ist. Zur rechten Seite der Auffahrt liegt die Brau- und Brennerey und liegt Wirtschaftshaus, ganz massiv zum TheiI mit Feld- zum Theil mit Mauersteinen gemauert und mit einem Strohdache versehen. Oberhalb der Brau- und Brennerey ist ein geräumiger Malz Boden, theils zum Trocknen, theils zum Aufbewahren des Malzes. Die Brauerei selbst besteht aus 3 Blasen mit den dazugehörigen Kübeln und Bottigen und die Brennerei aus einer 12 Tonnen starken Braupfanne und ebenfallls den dazugehörigen  Bottigen. Sämtliches Geräth ist in gutem brauchbaren Stande. Das Wirthschaftshaus besteht aus 6 Stuben, 3 Cammern und einer geräumigen Küche, ist aber nicht ganz gut angelegt, in dem ein bedeuten Heil der Wirthschafts-Geschäfte, die Molken- Wirthschaft, in einem 200 Schritt weiten Gebäude betrieben werden muß. Längs dieser Seite steht noch eine Scheune, von eichenem Holze mit ausgemauertem Fachwerk, einem Stroh-Dache mit 2 Scheundielen und ist, bis aufeinigen schadhaften Reihen Stücken in gutem Stande. Gerade zu der Ausfahrt oder gegen Mittag ist ein Gebäude, längs der ganzen Seite von eichenem Holze mit gemauertem Fachwerk und einem Strohdach in gutem Stande, worin Hühner, Enten, Gänse, . . . und Kälber Ställe befindlich. Zur linken Seite der Auffahrt oder gegen Morgen ist ein hohes Gebäude von eichenem Holze mit gemauertem Fachwerk worin ein Stall zu 100 Stück Rind Vieh, 4 Spann-Pferde, die Magazine der Acker Geräthe und der Spinn Hölzer und der . . . befindlich ist, die andere Seite oder die Seite gegen Mitternacht besteht aus einer 5 Fuß hohen Mauer mit Pfeilern, hinterm Brau- und Wirthschaftshause, liegt der Schweine Hof welcher von 3 Seiten mit Schweineställen und von der 4ten Seite mit einer Spreu (?) eingeschlossen wird Sämtliche Gebäude sind in ziemlich gutem Stande, größtenteils von eichenem Holtze und Fachwerk von Lehm. Die Scheune selbst wird aber nur zu Vorräten von allen Wirtschaftsmaterialien gebraucht. Links des Weges vom herrschaftlichen Hause, welcher mit einer hohen Linden- und Kastanienallee besetzt ist, hegt ein Gebäude, worin auf dem Ende nach dem Schlosse zu, die Wohnung des Försters und das Molken-Haus und der herrschaftliche Reit-Stall ist. Dieses Gebäude ist von eiche- nem Holze, ausgemauertem Fachwerk und einem Ziegeldache und in gutem Stande. Daneben das Gärtner Haus von kiefem und eichenem Holze, aus gemauertem Fachwerk und Ziegeldach, ist nicht mehr in ganz gutem Stande und bedarf einiger Reparaturen".

Otto Carl Friedrich von Voß begründete 1816/17 bei Blüthen das Vorwerk Waterloo, um die von den Blüthener und Glövziner Bauern an der Semliner Grenze zur Ablösung abgetretenen Ländereien besser bewirtschaften zu können. Der ungewöhnliche Name, den er für das Vorwerk bei der Regierung beantragte, war in der Tat als Reminiszens an den Sieg über Napoleon am 18. Juni 1815 gedacht. Der Premsliner Gutshof wurde 1823 schließlich aufgegeben und durch das stattdessen inmitten der Gutsfeldmark errichtete Vorwerk Neu Premslin ersetzt, wodurch eine bessere Bewirtschaftung derselben möglich wurde.

Unter seinem Sohn Graf Carl Otto Friedrich von Voß-Buch (1786-1864), wurde das Schloß in Stavenow nach Planen Friedrich August Stülers zwischen 1844 und 1849 ein- greifend umgebaut. Ein 1849 datiertes Aquarell von Eduard Gaertner stellt bereits den fer- tigen Bau dar. Die Innenausbauarbeiten waren vermutlich erst 1851 abgeschlossen. Aus diesem Jahr stammt nämlich ein Bericht, der Angaben über Mobilar und Geschirr, das von Berlin aus mit der Bahn nach Stavenow geschickt wurde sowie genaue Instruktionen dar- über enthält, in welche der neu hergerichteten Raume des Schlosses Möbel und Porzellan zu placieren seien. So sollte das Geschirr in das neue Buffet im Saal gesetzt werden, “sobald das Tapezieren und Ausstreichen in dem Saalfertig ist”, das Buffet selbst sollte in der “Ecke zwischen dem Kamin und dem Fenster” aufgestellt werden. Ein Eßtisch und die mitgeschickten eichenen Stuhle" können ebenfalls in den Saal. Drei kleine Sophas sind für den Balkon [Erker an der Südwand] im Saal bestimmt. Die beiden mit Rückenlehne [sollen] zu beiden Seiten, (das) ohne Rückenlehne gegen das Fenster [gestellt werden]. 1854 wurden dann noch ein großer Kronleuchter sowie 12 Rohrstühle, die für den Saal bestimmt waren, von Berlin aus nach Stavenow geschickt.

Carl Otto Friedrich von Voß gehörte zur engsten Umgebung König Friedrich Wilhelms IV. von Preußen und war schon vor dessen Regierungsantritt (1840) als Mitglied des sogenannten “Kronprinzenkreises” einer seiner Berater. Er nahm später, als Vertreter des  sogenannten Gerlach-Kreises und Leiter der Abteilung für Inneres im Staatsrat und in seiner Eigenschaft als Konsistorialpräsident, unmittelbaren Einfluß auf die preußische Politik. Durch diese enge persönliche Beziehung zu König Friedrich Wilhelm IV. kam der Kontakt zu Stüler, dem Architekten des Königs, zustande. Als der Bruder des Königs, Prinz Wilhelm von Preußen (1797-1888), unter dem Druck der Unruhen in Berlin im März 1848 außer Landes gehen mußte, nahm dieser den Weg über Stavenow, wo er am 23. März Station machte und die Pferde gewechselt wurden.

Die Stüler-Forscherin Dr. Eva Börsch-Supan charakterisiert den grandiosen Stavenower Schloßbau Stiilers folgendermaßen: “Stüler hat den Turm an der Ostseite des nordsüdlich gerichteten Wohnhauses . . . ummantelt. Mit dem an der Nordseite angebauten Flügel bildete er, anstelle eines Südflügels, eine unregelmäßige, nach Osten, zum Dorf hin, offene Dreifliigelanlage. Eine Brücke über den nassen Graben und Torpfeiler mit baldachartigen Laternen-Aufsätzen in gelber Terrakotta bildeten den Zugang. Die innere Hofecke war polygonal vorgezogen als Giebeltrakt mit Eingang und breitem Fenster. Mit Treppengiebeln am nördlichen Flügel und an der Westseite des - verlängerten - alten Wohnhauses (als Risalit und Erker) belebte Stüler die sonst schlichten zweistöckigen Baukörper und verband sie dadurch auch mit dem Turm, der vor seinem Pyramidendach je einen Stellgiebel, als Fortsetzung der im vierten Geschoß beginnenden flachen Erker, zeigte. Der mächtige, auf quadratischem Grundriß fünfstöckige Turm beherrschte die Ansicht von allen Seiten. Während in drei Stockwerken die Fenster, wie auch sonst fast überall im Gebäude, flach abschließen, hat das vierte Geschoß in den Erkern, das fünfte überhaupt Rundbogenfenster, z. T. die Palazzo-Rucellai-Form. Die gesamte Fassade war mit einem zarten Quaderfugenputz versehen, wobei die Gebäudeecken jeweils eine betonte Eckquaderung erhielten. Die Dächer der einzelnen Gebäudeteile, auch die der beiden Türme,  waren einheitlich mit Schiefer gedeckt.

Stüler hat auch den Turm der Stavenower Kirche umgebaut und mit einer neuen Spitze versehen. Auch dort fand in den Rundbogenfenstern der vier Dreieckserker die Palazzo-Rucellai-Form Anwendung. Das Turmdach erhielt seinerzeit eine Schiefereindeckung. Nach einer Urkunde vom 12. September 1861, die vor einigen Jahren im Turmknopf der Kirche Groß Linde gefunden wurde, führte die Zimmermannsarbeiten an den beiden Schloßtürmen sowie am Kirchturm in Stavenow der Perleberger Zimmermeister Stoßfalk aus.” Auch der Wirtschaftshof wurde um die Mitte des 19. Jahrhundert durch die Familie von Voß bedeutend ausgebaut. Es entstanden eine Reihe neuer großzugiger Wirtschafts- bauten aus Feld- und Backstein auf zwei räumlich voneinander getrennt liegenden Wirt- schaftshöfen sowie ein stattliches, fast herrschaftliches Wohnhaus aus Backstein und auf hohem Feldsteinsockel für den Administrator. Die Lage des Schlosses, der beiden Wirt- schaftshöfe sowie der Gutssiedlung geht aus einem Urmeßtischblatt aus dem Jahre 1843 deutlich hervor. Der eine Wirtschaftshof lag seitlich beim Schloß und am Damm, der zweite Wirtschaftshof mit der Meierei wurde gegenüber der Kirche nahezu neu aufgebaut.

Graf Carl Otto Friedrich von Voß-Buch besaß außer Stavenow noch die Guter Buch und Carow (Kreis Niederbarnim), Trossin (Kreis Königsberg) sowie Kavelsdorf und Flotow in Mecklenburg. Er war königlich preußischer Geheimer Rat und Domherr von Havelberg. Da er kinderlos starb, folgten ihm im Besitz der Voßschen Fideikommißgüter sowie der gräflichen Würde die Neffen seines Vetters Ferdinand von Voß: Gustav, Georg und Max. Max Wilhelm Karl Ferdinand Graf von Voß (1837-1922) erhielt Stavenow, siedelte in den 1860er Jahren dorthin über und leitete von hier den 3.592 Hektar großen Gutsbetrieb, zu dem die Vorwerke Waterloo, Semlin, Neu Premslin, Dargardt und Nebelin gehörten, die jedoch im Laufe der Jahre teilweise verpachtet wurden. Im Januar 1864 erlebte Stavenow die Einquartierung preußischer Truppen im Zusammenhang mit dem Deutsch-Dänischen Krieg. In der Kirche ließ Max von Voß 1906 an der Ostwand eine kleine rechteckige Apsis anfügen, deren großes Ostfenster mit einem Glasgemälde der Auferstehung geschlossen wurde. Ein weiteres buntes Glasfenster mit den Wappen der verschiedenen Patrone seit dem ersten von Voß in Stavenow wurde zur gleichen Zeit in die Nordwand des Chores eingelassen. Beide bleiverglasten Fenster wurden von der Firma Ferdinand Müller in Quedlinburg gefertigt. Stavenow selbst (mit Waterloo, Semlin und Dargardt) verpachtete er lange Jahre an seinen Schwiegersohn Burkhardt von Bonin (1856-1929), dessen Söhne Hugo (1889-1974) und Joachim (1893-1946) schließlich den Besitz 1929 erbten. Burk- hardt von Bonin ließ in Stavenow und Waterloo teilweise neue Wirtschaftsgebäude er- richten. Auch in Semlin wurde das Gutshaus ausgebaut. Von seinen Söhnen erhielt Hugo von Bonin Stavenow, während dessen Bruder Joachim Semlin und Waterloo übernahm. Als Semlin 1929 verkauft wurde, siedelte Joachim mit seiner Frau, Erika von Busse, nach Waterloo über, wo 1934 ein neues backsteinernes Wohnhaus im ländlichen Heimatstil mit Schilfdach erbaut wurde. Architekt war ein Dr. Schmidt aus Hamburg, ausfuhrende Betriebe waren die Baufirma Kubas aus Karstädt und der Dachdecker Sommerfeld aus Wüsten- Buchholz. Der Stavenower Betrieb wurde von 1928-193 5 praktisch durch den Inspektor Burchard von der Decken geleitet.

Hugo von Bonin konnte Stavenow auf Grund der allgemeinen wirtschaftlichen Krise nicht halten und verkaufte das Gut schließlich 1929 an den aus Zöbigker bei Leipzig stammenden Landwirt Dr. jur. Paul Jakob Kees (1884-1945), dem Stavenow bis 1945 gehörte. 1929 umfaßte das Gut Stavenow noch eine Fläche von 1 .O 15 Hektar (u. a. 350 ha Ackerflächen und 500 ha Forst) mit einem Einheitswert von 466.500 Reichsmark. Die Familie Kees saß seit 17 14 auf dem Rittergut Zöbigker, südlich von Leipzig, und gehörte im Sachsen des 18. Jahrhunderts zu den angesehendsten bürgerlichen Kaufmannsfamilien der sächsischen Handelsmetropole, sie trat als Geldgeber Kurfürst Augusts des Starken in Erscheinung, stellte hintereinander die beiden ersten Oberpostmeister Sachsen-Polens und forderte finanziell  die Arbeiten- Johann Sebastian Bachs.

Paul Jakob Kees verkaufte den größten Teil seines Gutes Zöbigker an die sächsischen Braunkohlewerke und erwarb dafür das Gut Stavenow. Hier ließ er durch. den Architekten Paul Schultze-Naumburg, der bereits 1928/29 den Umbau des Herrenhauses in Zöbigker geleitet hatte, Plane fbr eine architektonische Umgestaltung und Modernisierung (vor allem Einbau einer Heizung) des Stülerschen Schloßbaus anfertigen. Geplant war u. a. die Beseitigung des seitlich vorgezogenen Giebeltraktes in der einen Hofecke und statt dessen die Errichtung eines symmetrischen Mitteltraktes mit dahinter liegender großer Eingangs- halle auf der Hofseite des Hauptflügels, dann der Bau eines neuen Treppenhauses und der Einbau neuer Kamine und Kachelöfen. Insgesamt sollte durch den stilistischen Umbau des Schlosses der Charakter einer mittelalterlichen Burg ganz bewußt wieder herausgestellt werden. Nur ein Teil dieser Pläne wurde zunächst 1935/36 realisiert, da Paul Jakob Kees außerdem bedeutende Sanierungs- und Erneuerungsmaßnahmen auf dem Wirtschaftshof vornahm. Schließlich kam es auf Grund des Kriegsausbruchs nicht mehr zur Fertigstellung des Schloßumbaus, so daß beispielsweise der eine, halb fertige Flügel des Schlosses (mit dem Turm) bis 1945 unbewohnt blieb, bis er schließlich 1945 für die vielen Flüchtlinge aus dem deutschen Osten, u. a. Ende Februar 1945 für einige Tage dem Prökelwitzer Treck des Fürsten Alexander zu Dohna-Schlobitten als notdürftige Unterkunft diente. Durch die nicht abgeschlossenen Umbauarbeiten wurde die sehr wirkungsvolle und malerische, von Friedrich August Stüler geschaffene neugotische Fassade allerdings durch einen eher nüchternen, strukturlosen Anputz und die Dezimierung der charakteristischen Dach- und Turmaufbauten vereinfacht, so daß das einst grandiose Erscheinungsbild der ganzen Anlage danach insgesamt sehr schlicht wirkte, dem angestrebten mittelalterlichen Erscheinungsbild einer Burg dagegen aber sehr nahe kam.

Paul Kees wurde von den Landwirten der Gegend auf Grund seiner juristischen und betriebswirtschaftlichen Erfahrungen in die Vorstande bzw. Aufsichtsräte der Karstädter Starke und Flockenfabrik sowie der dortigen Molkereigenossenschaft gewählt und hatte in den Jahren 1934/35 neben 7 anderen Landwirten wesentlichen Anteil an der wirtschaftlichen Sanierung der Konkurs gegangenen Flockenfabrik. Seinen Stavenower Gutsbetrieb sanierte er in den 30er Jahren durch enorme Investitionen in neue Technik und neue Gebäude. So wurde auf dem Wirtschafthof beim Schloß 1938/39 eine moderne Stapelmistanlage mit einem ,, Tempo “-Volltorkran der Firma Beck & Henkel/Kassel (mit einer Spannweite von 11,3 m und einer Stapelhöhe von 4 m) sowie separaten Jaucheauffang-Silos und Regenwasserabfluß gebaut. Der landwirtschafthche Betrieb wurde auf gummibereifte Wagen (davon 3 werksneu und 9 aus dem Eigenbau der gutseigenen Schmiede und Stellmacherei) umgestellt, die für die Ernte und für die zahllosen Transporte zur 4 km entfernten Stärkefabrik in Karstadt genutzt wurden. Stavenow wurde unter der Leitung von Dr. Kees zu einem der führenden Saatzuchtbetriebe der Mark Brandenburg.

Auch für Stavenow bedeutete das Ende des 2. Weltkrieges Tod und Verwüstung. Dr. Kees kam am 2. Mai 1945 mit seiner Frau Irmgard im Stavenower Forst, der seinerzeit voll von Partisanen und verstreuten Soldaten war, auf bisher ungeklärte Weise ums Leben. Beide fanden ihre letzte Ruhestätte im Erbbegräbnis der Familien von Voß/von Bonin an der Stavenower Kirche. Unmittelbar danach wurde das Schloß geplündert und von polnischen Fremdarbeitern in Brand gesteckt. Der grandiose Stüler-Bau brannte fast vollständig aus, nur der von Schultze-Naumburg umgestaltete Südflügel mit dem Turm blieb erhalten. Die Reste des West- und Nordflügels wurden dann sehr rasch von den politisch Verantwortlichen der Spitzhacke geopfert, damit daraus Neubauernhauser erbaut werden konnten. Allein die Kellergewölbe blieben erhalten. Der Turm wurde auf die Firsthöhe des Südflügels gebracht. Dabei gingen die gewölbten Raume des 1. Obergeschosses verloren, so daß heute lediglich noch die Raume des Keller- und des Erdgeschosses gewölbte Decken aufweisen. Der das ganze Schloß umgebende alte Wassergraben wurde größtenteils mit Bauschutt verfüllt, ist heute jedoch eingetragenes Bodendenkmal. Die von Stüler entworfene Brücke mit den beiden Torpfosten ist erhalten, die Brüstung wurde abgetragen. Die so umgebauten Reste des Schlosses wurden dann bis 1991 als Kinderferienlager genutzt. Seither steht das Gebäude leer. Die Kirche ist heute eine Ruine, die Gruft wurde geplündert und die sand- steinernen Sarkophage sind aufgebrochen. Von den beiden großen Wirtschaftshöfen ist nur wenig erhalten geblieben, auf dem Hof am Schloß steht allein noch das inzwischen von der Familie des Rechtsanwalts Wolf Quensell bewohnte und sehr gut restaurierte Verwalterhaus mit einem kleinen Stallgebäude. Viele stattliche Gebäude wurden nach 1945 und schließlich noch in den 1990er Jahren abgerissen. Der so geschichtsträchtige Ort macht heute einen trostlosen Eindruck, nur wenige Dinge erinnern heute noch an die alten Gutsstrukturen.





 







 

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