Die Entstehung Berlins

Die Entstehung Berlins

von Dr. Lutz Partenheimer

Die Urkunde, in der Cölln erstmals schriftlich erscheint, stellten Bischof Ekkehard von Merseburg und zwei seiner Domherren am 28. Februar 1238 in Merseburg aus. Das Schriftstück enthält die Bestimmungen des Vergleichs, mit dem sie im Auftrag des Papstes am 28. Oktober 1237 im Hospital des Domes in Brandenburg an der Havel einen mehrjährigen Streit um Kirchenzehnten zwischen den Brüdern Johann I. und Otto III., den damaligen Markgrafen von Brandenburg, einerseits und Bischof Gernand von Brandenburg andererseits beigelegt hatten. Die am 28. Februar 1238 in Merseburg ausgestellte Urkunde nennt Zeugen, die bei der Konfliktschlichtung am 28. Oktober 1237 in Brandenburg an der Havel anwesend waren, darunter den Pfarrer Symeon de Colonia (von Cölln). Drei Ausfertigungen dieses Schriftstückes aus dem Jahre 1238 liegen als Originale im Domstiftsarchiv in Brandenburg an der Havel. Wahrscheinlich derselbe Symeon bezeugt dann als Propst de Berlin eine am 26. Januar 1244 in Markee (südlich von Nauen) ausgestellte Urkunde der Markgrafen von Brandenburg, die sich ebenfalls als Originalpergament im Domstiftsarchiv in Brandenburg an der Havel befindet. So erscheint nach Cölln nun auch Berlin erstmals schriftlich. Der Name kommt aus dem Slawischen und bedeutet „Siedlung an einem Sumpf“. 

Es ist wegen des Mangels schriftlicher Quellen unklar, wann die offenbar gleichzeitig angelegten Orte Berlin und Cölln entstanden. Es gibt inzwischen Archäologen, die die Anfänge in die Jahre um 1150 setzen, andere lehnen das ab. Relativ sicher ist, dass die Bautätigkeit um 1180 begann, da in diesen Jahren Bäume gefällt wurden, die dann als Balken für die Errichtung der Häuser, Brunnen usw. dienten. Das ergab der Einsatz der Dendrochronologie, also die Analyse der Jahresringe gefundener Hölzer, die man damals zum Bauen nutzte. In Potsdam begann ebenfalls zu dieser Zeit die Ansiedlung, obwohl es in deutscher Zeit erst 1317 schriftlich auftaucht (als slawischer Burg-Siedlungs-Komplex bereits 993 in einer Urkunde des ostfränkisch-deutschen Königs Otto III.). Um 1200 war dann die Errichtung Berlins, Cöllns und auch Potsdams in vollem Gange. 

Den bzw. die Gründer Berlins und Cöllns kennen wir ebenfalls nicht. Neben einer selbständigen Ansiedlung von Händlern kommt eine ganze Reihe von Fürsten in Betracht, die in der zweiten Hälfte des 12. Jh. versuchten, den Raum des späteren Berlins ihren Machtbereichen einzugliedern. Hierzu gehört Albrecht der Bär aus dem Geschlecht der nach Aschersleben benannten Askanier. Er war seit 1123 Graf von Ballenstedt (am Harz) und 1134 vom deutschen König und Römischen Kaiser Lothar III. zum Markgrafen der Nordmark ernannt worden. Nach dem 1150 erfolgten Tod Pribislaw/Heinrichs, des letzten – bereits christlichen – Fürsten der slawischen Heveller („Havelleute“), gelangte dessen Herrschaftsgebiet an Albrecht. Es bestand ungefähr aus dem Havelland und der südlich davon liegenden Zauche, mit Spandau und Potsdam als östlichsten Burgen. Nach dem um 1180 am Hofe Markgraf Ottos I. von Brandenburg, des Sohnes und Nachfolgers Albrechts des Bären, entstandenen „Tractatus de urbe Brandenburg“ (Aufsatz über die Burg Brandenburg) hatte Pribislaw/Heinrich Albrecht als Erbe des Hevellergebietes eingesetzt. Die Brandenburg an der Stelle des 1165 begonnenen Domes in Brandenburg an der Havel errichteten die seit ca. 700 in der Region siedelnden Heveller, die sich selbst „Stodoranen“ nannten, in den letzten Jahrzehnten des 9. Jahrhunderts als Sitz ihres Fürsten. 

Nach dem Traktat sah sich ein gewisser Jaxa, der mit Pribislaw/Heinrich verwandt war, um sein Erbe betrogen. Er bekleidete in Polen eine fürstliche Stellung und herrschte auch im Gebiet um Köpenick. Mit dieser Burg verbindet er nämlich seinen Namen auf von ihm geprägten Münzen, die man fand. Die Umschriften lauten IACZA COPTNIC CNES (Jacza, zu Köpenick Fürst) oder ähnlich. Zu einem unbekannten Zeitpunkt nach 1150 entriss Jaxa Albrecht dem Bären die Brandenburg, indem er die Besatzung bestach, die der Markgraf der Nordmark auf der Feste stationiert hatte. Daraufhin belagerte der Askanier die Brandenburg und zwang sie am 11. Juni 1157 zur Kapitulation. Nun begann er, sich „Markgraf von Brandenburg“ zu nennen. Nach unserer Überlieferung erfolgte das erstmals in einer Urkunde, die er am 3. Oktober 1157 in Werben an der Elbe in der Altmark ausstellen ließ. Aus dem Jahre 1159 stammt ein Schriftstück mit einem neuen Siegel Albrechts des Bären, dessen Umschrift die Bezeichnung „Brandenburgischer Markgraf“ trägt. Der erste Markgraf von Brandenburg starb 1170.

Sollte ein Askanier Berlin gegründet haben, kommen wegen der oben beschriebenen Entstehungszeit noch mehr Albrechts Sohn, Markgraf Otto I. (1170-1184), und spätestens dessen Sohn, Markgraf Otto II. (1184-1205), in Betracht. Unter diesem taucht auch erstmals Spandau schriftlich auf, und zwar 1197 in einer Urkunde Ottos II., die einen markgräflichen Vogt von Spandau nennt. Er dürfte auf der damals angelegten deutschen Burg Spandau gesessen haben, aus der von 1560 bis 1594 die Zitadelle entstand. Der slawische Burgwall von Spandau war Ende des 9. Jh. errichtet worden. Sein Gebiet liegt südlich der Altstadt.

Auch Erzbischof Wichmann von Magdeburg (1152/54-1192) brachten einige Historiker für die Anlage Berlins (und Potsdams) mit beachtenswerten Überlegungen ins Spiel. Er hatte offenbar Albrecht dem Bären bei der Rückeroberung der Brandenburg 1157 geholfen und dafür vermutlich Teile des Hevellergebietes (um Spandau und Potsdam) erhalten, die die Askanier den Magdeburgern in dem Fall in der folgenden Zeit wieder abnahmen – Spandau dann spätestens 1197. Vielleicht erkauften sich die Markgrafen von Brandenburg mit der Auftragung ihrer Eigengüter als Lehen an das Erzbistum Magdeburg 1196 dessen Duldung der askanischen Expansion. 

Jaxa von Köpenick, die Herzöge von Pommern und die Wettiner – benannt nach der Burg Wettin bei Halle –, damals Markgrafen von Meißen und der Lausitz (Niederlausitz), erwägt die Forschung ebenfalls als Gründer Berlins. 

Nach dem Verlust der Brandenburg hielt sich Jaxa offenbar in seiner Köpenicker Herrschaft auf. Die dortige Burg entstand im 9. Jh., erscheint aber (abgesehen von den erwähnten Münzen Jaxas) erstmals 1209/10 in den schriftlichen Quellen. 1168 übergab Jaxa vermutlich sein Köpenicker Herrschaftsgebiet den Herzögen von Pommern. Er ging nach Polen, wo er 1176 starb. 

Ein Vorstoß der Pommern nach Süden im Jahre 1179 zerstörte das Kloster Zinna bei Jüterbog, das Erzbischof Wichmann von Magdeburg 1170/71 gegründet hatte. Sie verwüsteten auch Güter in der Niederlausitz. Daraufhin brachte der Markgraf der Lausitz ca. 1180 das Gebiet um Köpenick in seine Gewalt. Das könnte die Askanier zur Anlage bzw. zum Ausbau von Berlin und Cölln veranlasst haben, um ein mögliches Vordringen der Wettiner nach Westen zu behindern. Dazu kam, dass die Mutter des Erzbischofs von Magdeburg und der Vater des Markgrafen der Lausitz Geschwister waren. Das Erzbistum Magdeburg und die Wettiner sind ja damals Rivalen der Askanier bei der Erweiterung ihrer Herrschaftsgebiete gewesen. 

Für die Anlage von Siedlungen im Berliner Raum dürfte den Herzögen von Pommern die Zeit gefehlt haben. Auch eine Gründung durch Jaxa oder die Wettiner ist angesichts der Tatsache, dass Köpenick dadurch wirtschaftlich geschwächt wurde, wohl weniger wahrscheinlich.

Eike Gringmuth-Dallmer: Archäologie – Geschichte – Namenkunde. Siedlungsarchäologische und -historische Indizien zur Herkunft der ältesten Berliner. In: Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte 74/2023, S. 9-19, hier S. 19, schreibt:

„Die archäologischen, schriftlichen und onomastischen Quellen haben jeweils keine eindeutigen Nachweise für die konkrete Herkunft der ältesten Berliner und Berlinerinnen liefern können, jedoch lassen die im Prinzip gleichgerichteten Hinweise ein relativ stimmiges Bild entstehen. Berlin ist eine echte Gründung „aus wilder Wurzel“, die nicht an eine ältere Siedlung am Ort anknüpfte. Sicher ist, dass zumindest ein Teil der Siedler aus dem nordfranzösisch-belgisch-niederländisch-rheinischen Raum gekommen ist, weitere aus dem östlichen Vorharzgebiet bis zur Elbe und Saale, dem Ursprungsland der Askanier. Dabei muss weitgehend offenbleiben, ob der Zuzug direkt oder über Zwischenstationen in den Nachbargebieten wie der Altmark erfolgt ist. Der Süden und Südwesten scheiden als Herkunftsgebiet weitgehend aus. Dieser Befund deckt sich weitgehend mit dem der Isotopenanalyse (Jörg Feuchter/Ines Garlisch/Claudia Maria Melisch: Die ersten Berliner. Leben an der Spree zwischen 1150 und 1300. Berlin 2023, S. 59), „dass die meisten Bewohner wohl aus der norddeutschen Tiefebene kamen und nur einzelne von weiter weg“ (Jörg Feuchter/Ines Garlisch/Claudia Maria Melisch: Die ersten Berliner. Leben an der Spree zwischen 1150 und 1300. Berlin 2023, S. 174).

Die Beteiligung von Slawen am Ausbaugeschehen ist in Brandenburg großräumig nachzuweisen. Es fragt sich jedoch, ob nicht eine städtische Gründung wie Berlin so attraktiv sein konnte, dass sie allein von Neusiedlern getragen werden konnte. Claudia Melisch et al. (und andere) sprechen fast nur von Neusiedlern, lassen aber offen, ob die auf Alteingesessene getroffen waren. Davon ist wohl auszugehen, ist doch wahrscheinlich, dass die in jedem Fall notwendigen einfachen Arbeitskräfte aus der in der Umgebung stammenden Bevölkerung kamen, also Slawen waren. Umstritten bleibt der Beginn der Ansiedlung zwischen der auf Grund naturwissenschaftlicher Methoden erschlossenen Datierung ab 1150 und der aus dem Fundmaterial erschlossenen Ansetzung Ende des 12. Jahrhunderts. Für die Frage der Herkunft der ersten Berliner hat dieser Aspekt aber keine Bedeutung. Sicher ist, dass Menschen aus dem westlichen und nordwestlichen Mitteleuropa einen gewichtigen Anteil an der Gründung Berlins hatten, wahrscheinlich auch solche aus dem Herkunftsgebiet der Askanier. Eine Beteiligung von Slawen ist anzunehmen, bisher aber nicht zu beweisen.“

Spätestens am Anfang des 13. Jh. fielen Cölln und Berlin an die Askanier - wenn diese die Orte nicht angelegt haben sollten. 1237/38 bzw. 1244, als die beiden Siedlungen erstmals in der schriftlichen Überlieferung auftauchen, standen sie auf alle Fälle unter der Herrschaft der Markgrafen von Brandenburg. 

Diese konnten 1236 den Pommern große Gebiete abnehmen. Um sie zu sichern und zu erschließen, legten die Askanier dann dort Städte an, darunter 1248 Neubrandenburg. 

In einem längeren Krieg gegen den Erzbischof von Magdeburg, den Bischof von Halberstadt und den Markgrafen von Meißen und der Lausitz brachten die Markgrafen von Brandenburg den Raum Köpenick-Mittenwalde zwischen 1239 und 1245 in ihre Hand. Um 1250 erreichten sie die Oder, wo sie Frankfurt 1253 zu einer Stadt ausbauen ließen, was auch in einer Urkunde festgehalten wurde.

In den letzten Jahrzehnten des 13. Jh. gelang es den Markgrafen von Brandenburg, in das zwischen 1198 und 1298 entstehende Kollegium der sieben Kurfürsten zu gelangen, denen allein nun nur noch das Recht zustand, den deutschen König zu wählen. Kaiser Karl IV. bestätigte das 1356 mit der Goldenen Bulle.  

Mit der Errichtung der Burg in Cölln (1443-1451) unter Friedrich II., dem Eisernen, dem zweiten Hohenzollern, der Markgraf und Kurfürst von Brandenburg war (1440-1470), begann die Entwicklung Berlins zur Residenz der Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg und damit zur Hauptstadt der Mark Brandenburg. Aus der Burg ging später das Berliner Schloss hervor.                    

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